• tizianwagner

Philippinen - Lokalprominenz & kulturelle Identitätskrise

Nach unserem Missgeschick bei der Einreise nach Singapur muss ich zugeben, dass ich am Morgen der Abreise auf die Philippinen ziemlich nervös am Schalter stand. Dass es erst der zweite Tag nach der Öffnung der Landesgrenzen für Touristen war, machte die Sache nicht gerade besser. Doch alles hat auf Anhieb funktioniert. Die Grenzkontrollen am Flughafen in Manila liefen reibungslos und die Mitarbeiterin verkündete uns stolz, dass wir nicht mehr in Quarantäne müssen, sondern direkt weiterreisen dürfen. Den ersten Tag in Manila verbrachten wir damit, uns zu orientieren und einen Plan für die nächsten Wochen zu schmieden. Dabei mussten wir dann aber leider feststellen, dass einige der Provinzen innerhalb des Landes noch nicht wieder für Touristen geöffnet waren. Außerdem sind einige Regionen nach dem verheerenden Taifun im Dezember letzten Jahres immer noch stark zerstört und können nicht oder nur teilweise bereist werden. Mit der Hilfe des Hostelbesitzers versuchten wir an aktuelle Informationen zu kommen und buchten dann einen Flug für den nächsten Morgen nach Cebu City.


Cebu City ist die Hauptstadt der gleichnamigen Insel und die der gesamten Visayas Region - der Inselgruppe, die sich im Zentrum der Philippinen befindet. Von dort fuhren wir mit dem Bus weiter in den Süden von Cebu nach Moalboal. Das Busterminal, die laute Latino-Musik und die Essensverkäufer in den Bussen erinnerten uns direkt an unsere unzähligen Busfahrten in Lateinamerika. Auch in der Sprache konnten wir den Einfluss der spanischen Kolonialzeit direkt erkennen, viele Wörter sind dem spanischen sehr ähnlich oder sogar identisch. Überhaupt leiden die Einwohner der Philippinen auf den ersten Blick an einer Identitätskrise im Bezug auf ihre Kultur. Mehr als drei Jahrhunderte als spanische Kolonie und im Anschluss weitere knapp 50 Jahre unter der Kontrolle der USA haben ihre Spuren hinterlassen: sie lieben es zu singen und zu tanzen, Fastfood-Ketten gibt es im Überfluss, Basketball ist Nationalsport und Reis muss es bei jeder Mahlzeit geben, denn sonst ist es keine Mahlzeit sondern nur ein Snack! Die Amtssprache Tagalog kann sich je nach Insel so stark unterscheiden, dass Filipinos/as oft auch einfach Englisch miteinander reden oder zumindest englische Füllwörter nutzen, denn Englisch kann auf den Philippinen jeder. Böse Zungen behaupten also, dass das Volk der Philippinen keine wirkliche eigene Kultur besitzt. Doch mit jedem Tag den man in dem Inselstaat verbringt, versteht man ein bisschen besser, was diese ganz besondere Kultur ausmacht. Im Gegensatz zu anderen ehemaligen spanischen Kolonien wie in Südamerika beispielsweise, haben es die Filipinos/as geschafft, ihr eigenes Kauderwelsch zu kreieren. Müssten wir die philippinische Kultur in drei Sätzen beschreiben, würde das in etwa so klingen:

  • Die Höflichkeit und Hilfsbereitschaft der Asiaten

  • Das Temperament und die Lebensfreude der Lateinamerikaner

  • Die Vorliebe für Fastfood und Basketball, der Nationalstolz und das gute und weitverbreitete Englisch der US-Amerikaner


Moalboal ist ein kleines Dorf direkt an der Küste und bei Touristen vor allem beliebt aufgrund der riesigen Sardinenschwärme die direkt vom Strand aus zu erreichen sind. Wir machten einen Tauchgang dort und gingen danach Schnorcheln, um die vielen Fische auch noch von oben zu sehen. Es macht wirklich unglaublichen Spaß mitten in die große Wand aus Sardinen rein zu schwimmen und zu sehen wie die Fische sich gefühlt noch dichter aneinander drängten.

An unserem ersten Abend freundeten wir uns gleich mit einer Gruppe Filipinos & Filipinas an, die gar nicht glauben konnten, dass wieder ausländische Touristen den Weg in ihr Dorf gefunden haben. Nach 2 Jahren komplett geschlossener Landesgrenzen und stark eingeschränktem Personenverkehr zwischen den einzelnen Provinzen erklärten sie uns, es tue unglaublich gut mal wieder ein paar neue Gesichter zu sehen. Auch in unserer Unterkunft wurden wir mit einem „Welcome Back“ Schild und Luftballons als erste internationale Gäste nach der Pandemie willkommen geheißen. Die Nachricht von unserer Ankunft schien sich schnell rumzusprechen und wir mutierten in kürzester Zeit zur Lokalprominenz. Überall begegneten uns die Leute mit einem breiten Grinsen und oft wurden wir auch angesprochen ob wir die Touristen wären von denen sie gehört haben. Nicht selten wollten vor allem Bar- oder Restaurantbesitzer ein Foto mit uns machen, um es in den sozialen Medien zu posten und mit der Rückkehr der Touristen zu werben.


Im Gespräch mit den Einwohnern fanden wir heraus, dass der Taifun hier im Dezember schlimmer gewütet hatte, als von uns zuerst angenommen. Ganze Häuser waren abgedeckt worden und ein Großteil der Boote waren dem Wind zum Opfer gefallen. Schon auf dem Weg nach Moalboal hatten wir das erste Mal ein Gefühl davon bekommen, mit was für einer Kraft der Taifun vor wenigen Wochen dort gewütet haben musste: wir sahen viele umgestürzte Bäume und beschädigte Infrastruktur. Bis drei Tage nach den Sturm hatte es keinen Mobilfunk Empfang gegeben und auf Strom mussten viele für mehrere Wochen komplett verzichten. Was für uns Dinge der Selbstverständlichkeit sind, wissen die Leute hier definitiv mehr zu schätzen. Unglaublich beeindruckt hat uns auch die Einstellung der Filipinos: statt den Kopf in den Sand zu stecken wurde direkt mit dem Aufräumen begonnen und sich gegenseitig unterstützt. Auf meine Frage wie man nach 2 Jahren Pandemie und dem Taifun weiterhin so positiv denken kann, bekam ich nur als Antwort: „Was bringt es, uns noch runterziehen zu lassen? Wenn wir uns die gute Laune noch nehmen lassen, was haben wir dann noch?“

Wir fühlten uns sofort wohl und es kam uns schon fast ein wenig heimisch vor, da wir überall im Dorf gegrüßt wurden. Mit unseren neuen Freunden verbrachten wir fast unsere gesamte Zeit dort. Wir wurden mit Tipps und Empfehlungen nur so überschüttet und einen Tag fuhren wir alle zusammen die Wasserfälle in der näheren Umgebung erkunden. Nachdem wir so herzlich aufgenommen wurden fiel es nach fünf Nächten schwer weiterzugehen und wir verabschiedeten uns schweren Herzens von unseren Freunden.

Unser nächster Stopp, die Insel Siquijor, befindet sich südlich von Cebu und ist auch als Isla del Fuego bekannt. Diesen Namen bekam sie von spanischen Seefahrern, die sich dort von vermeintlichen „Hexen“ ihre Krankheiten behandeln ließen. Wir mussten den Heilern dort zum Glück keinen Besuch abstatten und fuhren lieber zu den versteckten, mehrstufigen Wasserfällen. Auf den Drohnenaufnahmen wirkten die unterschiedlichen Wasserbecken zwischen den dichten Palmen wie eine tropische Oase. Da wir an einem Sonntag dort waren, trafen wir auf viele einheimische Familien, die den Nachmittag dort mit einem Picknickkorb ausgestattet, genossen. Das Highlight unseres Besuchs war die Übernachtung in einem Homestay mitten in den Bergen. Die Bungalows sind direkt an einem Reisfeld gelegen, mit einer kleinen Terrasse und einem Liegenetz ausgestattet, und die Front nach vorne kann man öffnen. Wir schliefen also bei komplett offenen Türen unter unserem Moskitonetz und wurden abends sogar von ein paar Glühwürmchen besucht. An einem der vielen Strände haben wir zudem den wohl farbenprächtigsten Sonnenuntergang unserer Reise gesehen. Der Himmel leuchtete in den unterschiedlichsten Farben, was teilweise übernatürlich aussah. Vielleicht ist an den Hexengeschichten doch ein Stück Wahrheit.

Die Weiterreise von Siquijor zu unserem nächsten Ziel müssen wir wieder in der Kategorie „Abenteuer & Geschichten zum Daheim erzählen“ verbuchen. Nachdem die direkte Übernacht-Fähre ausgebucht war, mussten wir auf zwei verschiedene Fähren und einen Bus ausweichen, um nach Cebu City zurückzukommen. Eine nette Familie hatte glücklicherweise das gleiche Ziel und kümmerte sich darum, dass wir immer kurz hinter ihnen waren und nicht unterwegs verloren gingen. Als wir am nächsten Morgen nach zehn Stunden Fahrt um 4 Uhr in Cebu City angekommen waren, halfen sie uns sogar noch die richtige Verbindung zum nächsten Bus zu bekommen, bevor sie sich dann von uns verabschiedeten. Für uns ging es weitere fünf Stunden in einem klapprigen, nicht-klimatisierten Bus bis zum Fährableger im Norden der Insel Cebu.

Als wir endlich auch die Überfahrt mit dem Boot nach Malapascua hinter uns hatten, waren wir beide nur noch k.o. und brauchten erst mal einen ausgiebigen Mittagsschlaf. Die Insel Malapascua ist gerade einmal 2km lang und 1km breit, wir hatten es aber geschafft uns am abgelegensten Strand einzuquartieren. Zum Tauchshop und sämtlichen Restaurants brauchten wir also entweder 30 Minuten zu Fuß, oder einen fahrbaren Untersatz. Ich glaube außer uns ist kaum ein Tourist auf der Insel selbst mit dem Roller gefahren, üblicherweise fährt man Motorrad-Taxi oder wird mit dem Boot gebracht. Nachdem wir uns bei jeder einzelnen Fahrt in dem Labyrinth aus kleinen Pfaden verfahren hatten, konnte ich auch gut verstehen warum. Zu allem übel spielte das Wetter auch nicht mit und wir wurden das ein oder andere mal unterwegs böse überrascht und kamen patschnass an.

Doch der Grund weshalb wir auf die Insel gekommen waren, wog all das wieder auf: Malapascua ist bekannt für die Möglichkeit mit seltenen Fuchshaien zu tauchen. Markant ist ihre lange Schwanzflosse, die sie nutzen um Beutetiere zu betäuben, indem sie auf sie drauf „dreschen“. Deshalb werden sie auch „Drescherhaie“ genannt. Da diese Tiere sehr licht- und geräuschempfindlich sind, muss man bereits zum Sonnenaufgang im Wasser sein, um ihnen überhaupt begegnen zu können. Wir trafen uns also um 5 Uhr am Tauchshop und fuhren für zwei besonders frühe Tauchgänge raus. Unsere Mühe wurde aber belohnt: auf dem ersten Tauchgang bekamen wir direkt zwei Fuchshaie und einen Weißspitzenriffhai zu Gesicht. Der zweite Tauchgang konnte das allerdings noch toppen: wir hatten um die 15, teilweise auch sehr nahe, Begegnungen mit Fuchshaien und am Ende schwammen drei Teufelsrochen direkt hinter uns vorbei. Wir waren uns beide einig, dass dieses Erlebnis die mühsame Anfahrt und das schlechte Wetter auf jeden Fall wert waren, freuten uns aber trotzdem schon darauf, weiterzuziehen und hoffentlich wieder ein bisschen mehr Sonne tanken zu können.




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