• Laura Enderlin

Bienvenidos a Guatemala - Laura & Tizian 0, Vulkan Acatenango 1

Nach Mexiko stand für uns ein lang ersehntes Highlight unserer Reise auf dem Plan: Guatemala mit seinen 33 Vulkanen, wobei drei sogar aktiv sind.

Um von San Cristobal, Mexiko zu unserem ersten Hostel in Antigua, Guatemala zu gelangen, mussten wir uns wieder zwischen der Touri-Variante mit einem privaten Shuttle und einer selbstorganisierten Route entscheiden. Wir waren uns sofort einig, dass wir für das nächste Abenteuer bereit sind und beschlossen die Sache selbst in Hand zu nehmen.

Nach unseren Erfahrungen mit der letzten Nachtbusfahrt und im Hinblick auf die noch notwendige Weiterreise in Guatemala, entschieden wir uns dieses Mal allerdings für den komfortableren Bus-Anbieter ADO um über Nacht bis zur mexikanischen Grenze zu gelangen. Nach einer zumindest halbwegs erholsamen Fahrt, brachte uns ein Taxi die letzten Meter bis zur Grenze in Talisman. Dort wartete bereits eine Menge äußerst hilfsbereiter, junger Männer darauf, uns den Grenzübertritt so angenehm wie möglich zu machen und dabei ein Trinkgeld abzustauben. Nachdem wir dankend abgelehnt und unsere Rucksäcke selbst geschultert hatten, bahnten wir uns den Weg bis zur Grenzstation. Nach einer kurzen Wartezeit durften wir das kleine Büro betreten und bekamen ohne Probleme den gewünschten Ausreise-Stempel in unsere Pässe. Zu Fuß ging es nun weiter durch die Grenzstation, bis wir nach ein paar Metern bereits Guatemala erreicht hatten. Soweit so gut dachte ich mir, allerdings wartete hier das guatemaltekische Pendant der hilfsbereiten Meute aus Mexiko und umringte uns mit zahlreichen Angeboten zur Weiterreise und Geldwechseln. Nach unzähligen „No, gracias“ hatten wir endlich auch den letzten Begleiter abgeschüttelt und den kleinen Schalter für die Immigration in Guatemala erreicht. Die Dame hinter dem abgedunkelten Fenster verlangte neben unserem Reisepass noch den Nachweis für die vollständige Covid-Impfung und schon waren wir auch auf dem Papier erfolgreich in Guatemala angekommen. Ein paar Schritte und nochmal gefühlt 100 Angebote für private Shuttles später, hatten wir tatsächlich auch das Colectivo in den nächstgrößeren Ort gefunden. Nach etwas Verhandlungsgeschick zahlten wir noch ein Drittel des ursprünglich verlangten Preises (was immer noch gut bezahlt war).

Leider hörte hier auch schon unsere im Vorhinein recherchierte Route auf und so versuchten wir vor Ort auf eigene Faust einen Bus nach Antigua zu finden. Nachdem wir mit unserem Spanisch am Ende waren und ich wieder einmal versuchte mit Händen und Füßen unser Anliegen zu erklären, kam uns der Busfahrer eines Reisebusses nach Escuintla gerade recht. Er gab uns zu verstehen, dass es von Escuintla nicht mehr allzuweit nach Antigua sei und wir sofort einsteigen könnten. Wir folgten ihm ums Eck, zahlten und schon ging es los. Was für ein Glück wir doch wieder gehabt hatten! Auch ein paar Stunden später, nachdem wir in jedem Dorf unterwegs Halt gemacht hatten und der Busfahrer bei jedem zweiten Halt ausgestiegen war um etwas zu essen, war unsere gute Laune noch nicht verflogen. Nach gut sechs Stunden bekamen wir endlich ein Zeichen, dass wir uns bereitmachen sollten zum Aussteigen. Ich war ziemlich überrascht, als der Bus kurz auf dem Seitenstreifen des Highways hielt und der Fahrer uns erklärte, dass wir die Straße überqueren, die Auffahrt runterlaufen und dort einen Bus nach Antigua anhalten sollten. Gesagt, getan und es ging tatsächlich keine 5 Minuten bis ein lila lackierter US-Schulbus angebraust kam. Von weitem schon winkte ein junger Guatemalteke aus dem Bus heraus und schrie „Antigua“? Als wir nickten, wurde der Bus langsamer und wir wurden noch im Rollen aufgesammelt und reingescheucht. Wir versuchten uns mit unseren Rucksäcken zu den letzten freien Plätzen ganz hinten durchzuquetschen und noch bevor wir uns auf die Sitzbank fallen lassen konnten ging die wilde Fahrt schon wieder los. Wir wurden ziemlich durchgerüttelt und die riskanten Überholmanöver in Kombination mit dem lila Schulbus erinnerten uns beide an den „Rasenden Ritter“ aus den Harry Potter Filmen. Nach ca. 30 Minuten erreichten wir Antigua und wurden aus der Klappe am Ende des Busses ausgeladen, dass wir nicht noch einen Schubs bekamen damit es schneller ging war wirklich alles. Diese rasante Chicken Bus Fahrt war wirklich kein Vergleich zur Gemütlichkeit des Busfahrers davor!

Glücklich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, stapften wir über das Kopfsteinpflaster und fanden unser Hostel in einer kleinen Seitenstraße, nahe dem Zentrum von Antigua.

Die nächsten Tage verbachten wir fast ausschließlich im Hostel und bereiteten uns auf das große Ereignis vor: die Wanderung auf den Vulkan Acatenango. Durch einen Freund von Tizian hatten wir bereits im März unglaubliche Bilder von dieser Wanderung gesehen. Nur wenige Kilometer davon entfernt bricht der Nachbarvulkan Fuego in regelmäßigen Abständen aus und bietet bei guter Sicht ein beeindruckendes Naturschauspiel. Das besondere an der Tour ist die Übernachtung auf über 3.700m und damit die Möglichkeit, die feurigen Explosionen und die glühende Lava des Fuego, in der Dunkelheit zu sehen.

Ich durchwälzte die Angebote zahlreicher Touranbieter und unzählige Blog-Beiträge zu dieser Wanderung, um auch ja bestmöglich vorbereitet zu sein. Wir versorgten uns daher mit Müsliriegeln, anderen Knabbereien und insgesamt 8 Litern Wasser. Die Geschichten und vor allem die Bilder der Leute im Hostel, welche diesen Ausflug in den letzten Tagen gemacht hatten, heizten unsere Vorfreude nur noch mehr an. Ich freute mich besonders, endlich mal die lange Wanderhose, die Mütze und die Ski-Socken auszupacken, die ich die letzten beiden Monate völlig umsonst mit rumgeschleppt hatte. Diesen Gedanken sollte ich noch schwer bereuen, doch dazu gleich mehr.

Endlich war es soweit und wir starteten den großen Tag mit einem ausgiebigen Frühstück auf der Dachterrasse des Hostels. Zusammen mit drei Israelis wurden wir dann mit einem Shuttle an den Startpunkt auf 2.500m Höhe gebracht. Wir erweiterten unsere Ausrüstung auf den Tipp unseres Guides hin, noch um zwei Wanderstöcke und schon ging es bei strahlendem Sonnenschein los. Um sicherzustellen, dass jeder mithalten konnte und um zu sehen wie wir die Höhe vertrugen, legten wir alle 10 Minuten kurze Verschnaufpausen ein. Ich sah Tizian direkt an, wie nervig er das fand, vor allem als eines der Mädchen aus unserer Gruppe noch nach zusätzlichen Pausen fragte. (An der Stelle wichtig zu erwähnen: sie hatte bereits jemanden engagiert, um ihren Rucksack bis zum Camp zu tragen…). Wir beide hatten zum Glück keine Probleme mit der Höhe und so blieben uns die befürchteten Kopfschmerzen und das Schwindelgefühl erspart. Die Landschaft war zunächst noch saftig grün und von vielen Maisfeldern geprägt. Wir trafen nach kurzer Zeit auf eine andere Wandergruppe die gerade den Abstieg machte und brannten darauf, von ihren Erlebnissen zu hören. Dass sie die ganze Nacht nur wenig vom Vulkan zu sehen bekommen hatten, verpasste unserer Motivation einen gewaltigen Dämpfer. Wir marschierten tapfer im Gänsemarsch weiter, während wir die nächste Vegetationszone erreichten. Auf dieser Höhe zwischen 2.500 und 3.400m sind die größten Wasservorkommen und wir fühlten uns mit dem vielen Nebel um uns herum wie in einem verwunschenen Wald. Nach ca. 2 Stunden erreichten wir die Grenze zum subalpinen Wald und damit auch unsere Mittagspause. Gestärkt mit einem Burrito und einem Schoko-Muffin aus unserer Lunch-Tüte, machten wir uns nach 45 Minuten wieder auf den Weg. Da wir beim Essen schon die ersten Tropfen abbekommen hatten, packten wir unsere Regenjacken aus und spannten vorsichtshalber auch schon mal das Raincover über die Rucksäcke. Eine gute Entscheidung wie sich kurz darauf herausstellte als es anfing wie aus Eimern zu schütten. Kurz darauf waren wir patschnass und ich wünschte mir nur noch, endlich im Camp anzukommen. Die regelmäßigen Verschnaufpausen waren jetzt nur noch nerviger und so versuchten wir unseren Guide jedesmal mit „Vamos, vamos“ dazu zu überreden, schnell wieder weiterzugehen. Die Landschaft wurde immer karger und am Ende wanderten wir über loses Vulkansteingeröll entlang einer Felskante, während uns der Wind den Regen entgegen pustete. Wir hatten die Hoffnung, den Vulkan an diesem Abend noch zu Gesicht zu bekommen, schon aufgegeben. Mit gesenkten Köpfen, von denen die dicken Regentropfen prasselten, kämpften wir uns gerade an dicken Felsbrocken vorbei, als uns ein erschütterndes Grollen durch Mark und Bein ging. Zum ersten Mal wurde uns bewusst, wie nah wir dem Fuego sein mussten. Die Tatsache, dass da gerade ein Vulkan in unserer unmittelbaren Nähe ausgebrochen war, ließ unsere Nackenhaare zu Berge stehen. Das konnte aber auch daran liegen, dass es mittlerweile verdammt kalt geworden war. Um kurz nach vier war es dann endlich geschafft und wir erreichten das Camp auf 3.736m. Die Sicht auf den Vulkan war wie zu erwarten komplett bedeckt und wir kümmerten uns erst einmal darum, in trockene Sachen zu kommen. Unser Guide Isaias, bemühte sich aus dem nassen Holz ein gemütliches Feuer zu zaubern. Statt um knisternde, wärmende Flammen, versammelten wir uns eher an einem vor sich hin rauchenden Haufen. Die Kälte hatte uns nun auch fest im Griff und erst eine wärmende Suppe, ein paar Nudeln mit Gemüse und ein heißer Tee konnten was daran ändern. Tizians Glück war, dass außer mir auch einer der Israelis den zum Essen gereichten Rotwein verschmähte und er zwei zusätzliche Becher haben konnte. Ich schätze, er hätte alles getan, um schnellstmöglich die notwendige Bettschwere zu bekommen und diesem Wetter zu entfliehen. Teil des Camps war eine kleine Hütte mit Matratzenlager, die Platz für etwa 20 Personen bot. Wir waren uns alle einig, dass wir früh ins Bett wollten um später in der Nacht, wenn der Vulkan vielleicht zu sehen war, fit zu sein. Isaias versprach, Wache zu halten und uns zu wecken, sollte sich in der dicken Wolkenschicht etwas tun. Zu fünft machten wir uns in der Hütte breit und versuchten zur Ruhe zu kommen. Dick in die Expeditionsschlafsäcke gepackt war an Schlafen allerdings kaum zu denken, da draußen mittlerweile ein kleiner Sturm aufgezogen war. Der Regen prasselte wie wild auf das Dach der kleinen Hütte und ich war mir zwischendurch nicht sicher, ob die dünnen Blechwände dem Wind standhalten würden. Nach einer kurzen, unruhigen Nacht wurden wir um 03:30 Uhr geweckt, um uns für die Gipfelwanderung zum Sonnenaufgang vorzubereiten. Als wir verschlafen aus der Hütte kamen, war vom Vulkan leider immer noch nicht mehr zu sehen. Unser Guide schätzte die Lage auf dem Gipfel ähnlich ein und entschuldigte sich bei uns für das schlechte Wetter. Er riet uns davon ab, die anstrengende Wanderung bei diesen Sichtverhältnissen auf uns zu nehmen und bot aber dennoch an, sie mit uns zu machen falls wir uns dafür entscheiden sollten. Es wurde kurz auf Hebräisch und Deutsch diskutiert und wir entschieden uns alle gegen den zusätzlichen Aufstieg. Tizian und ich schmiedeten schon hier am Lagerfeuer Pläne, dem Vulkan bei besserem Wetter noch einen zweiten Versuch zu geben. Wir kuschelten uns zurück in unsere Schlafsäcke und wurden erst um halb 7 wieder mit einem „Hola Chicos“ zum Frühstück geweckt. Es gab warmen Haferbrei der mehr durch seine wohlige Temperatur unser Wohlwollen gewann, als durch seinen Geschmack. Nach dem Frühstück hatten wir dann doch noch ein bisschen Glück und die dicken Wolken schoben sich für einige Momente beiseite und gaben die Spitze des Fuego frei. Während der Vulkan mit einer wahnsinnigen Kraft Felsbrocken ausspuckte, stiegen dicke Rauchschwaden aus dem Inneren auf und ließen uns vor lauter Aufregung die Zeit vergessen. Isaias, der froh war, dass wir zumindest ein kleines Erfolgserlebnis hatten, wies uns darauf hin, dass wir bald mit dem Abstieg beginnen müssen. Mit einem guten Gefühl zum Abschluss machten wir uns auf den Weg. Nach etwa drei Stunden waren wir an unserem Ausgangspunkt angekommen, wo das Hostel-Shuttle schon auf uns wartete.

Trotz der schlechten Verhältnisse war die Tour ein tolles Erlebnis. Aufgrund unserer hohen Erwartungshaltung überwog dennoch ein wenig die Enttäuschung und wir mussten uns zum ersten Mal auf unserer Reise mit einer gefühlten „Niederlage“ auseinandersetzen. Aber vielleicht auch gerade das weckte unseren Ehrgeiz und wir freuen uns sehr, dass wir flexibel genug sind einen zweiten Anlauf bei hoffentlich besserem Wetter zu wagen.




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