• Laura Enderlin

Achterbahn der Gefühle - Die letzten Kilometer bis Cairns

Auf dem Weg in den Norden machten wir Halt in den Küstenorten Hervey Bay, Bundaberg und Agnes Water. Bundaberg hat eine große Rum-Destillerie, welcher wir einen kurzen Besuch abstatteten. Überall im Umland sind weitläufige Felder mit Zuckerrohr zu sehen, der neben Rum auch in dem bekannten „Bundaberg Ginger-Bier“ verarbeitet wird.

Um Zeit und Geld zu sparen, verbrachten wir die darauffolgenden Nächte an kostenlosen Rast- und günstigen Campingplätzen direkt am Highway. Als wir an einem Morgen aufwachten, wartete allerdings eine unangenehme Überraschung auf uns: das ganze Auto und auch die Leiter zum Dachzelt waren übersät mit Ameisen. Wir waren spätabends, erst im Dunkeln angekommen und hatten den Camper scheinbar direkt auf einem Ameisennest abgestellt. Wir kletterten fluchend aus dem Bett und gaben uns alle Mühe die kleinen Mistviecher schnellstmöglich wieder loszuwerden.

Wir fuhren weiter zum Cape Hillsborough Nationalpark, wo wir einen Campingplatz direkt an einem Strand mit Kängurus gebucht hatten. Doch unsere Pechsträhne schien anzuhalten: die Kängurus ließen sich aufgrund des anhaltenden Regens leider nirgends blicken. Also verbrachten wir die meiste Zeit im Dachzelt, wo wir dann doch noch tierische Gesellschaft bekamen. In zwei Ecken hatten es sich hunderte Ameisen gemütlich gemacht und sich dort regelrecht eingenistet. Resigniert gaben wir uns geschlagen und beschlossen uns am nächsten, hoffentlich trockenen Tag um das Problem zu kümmern. Mit einer Dose Insektenvernichtungsspray bewaffnet, krabbelte Tizian ins Dachzelt um unseren Untermietern ein für alle mal den Garaus zu machen

Auch an unser nächstes Ziel, den Eungella Nationalpark, verfolgte uns das schlechte Wetter. Statt zum Sonnenuntergang am Fluss auf der Lauer zu liegen, und endlich ein Schnabeltier zu sehen, warfen wir einen kurzen Blick auf den matschigen Campingplatz und entschieden uns direkt weiterzufahren.


In Airlie Beach buchten wir uns gleich für mehrere Tage auf einem Campingplatz eines Hostels ein. Airlie Beach ist ein klassischer, australischer Ferienort mit vielen Boutiquen, Restaurants und Pubs. Durch seine Lage direkt vor der Inselgruppe „Whitsunday Islands“ und seine Nähe zum Great Barrier Reef, wird der Ort auch „Heart of the Reef“ genannt.

Wir waren heilfroh die vollausgestattete Küche nutzen zu können und im Aufenthaltsraum zumindest ein bisschen dem Regen und unserem Dachzelt entfliehen zu können. Ich verbrachte die meiste Zeit am Laptop, um die Bewerbungen für meine Studienpläne ab Herbst fertigzustellen. Tizian versuchte sich erst das Wetter im nächsten Pub bei einem Guinness schön zu trinken, stellte dann aber schnell fest, dass unser Budget bei den Bierpreisen für so viel Regen leider nicht ausreichte. Wir warteten also nach wie vor auf besseres Wetter, während unser Trip zu den Whitsundays inklusive Übernachtung an Board eines Segelboots erst verschoben und dann schlussendlich ganz abgesagt wurde. Nachdem wir schon mehrere Tage nur rumgesessen hatten, waren wir schwer versucht Airlie Beach einfach den Rücken zuzukehren und weiter nordwärts zu fahren. Aber ich konnte das natürlich nicht auf mir sitzen lassen, Australien zu verlassen ohne den berühmten Whitehaven Beach gesehen zu haben. Also beharrte ich darauf, für den laut Wetterbericht ersten besseren Tag, einen Tagesausflug zu buchen.

Wir konnten es kaum glauben: am Morgen unserer Tour hatte tatsächlich der Regen aufgehört und wir sahen zum ersten Mal einen kleinen Flecken blauen Himmel. Zusammen mit zwanzig anderen Gästen, viele auch sichtlich froh eine Alternative zu ihren stornierten Touren gefunden zu haben, wurden wir an Board des Segelboots verfrachtet und freudig vom Skipper begrüßt. Die etwa dreistündige Anfahrt wurde etwas ungemütlich. Durch den vielen Regen der vorhergehenden Tage war das Meer ziemlich aufgewühlt und wir fuhren gegen die Wellen. Das zum Glück sehr warme Wasser schwappte über die Reling und wir waren doch alle froh um die gelben Friesennerze, die ausgeteilt wurden. Endlich am Whitehaven Beach angekommen, war das aber schon wieder fast vergessen. Der Strand gilt durch den hohen Quarzgehalt von fast 99% als einer der weißesten Strände der Welt. Pünktlich zu unserem Besuch war auch die Sonne hervorgekommen, weshalb wir vom hellen Sand regelrecht geblendet wurden. Der Blick von den Aussichtspunkten über den Strand ist spektakulär: das helle Türkisblau des Wassers vermischt sich mit dem Weiß des Sands und das kilometerweit. Im kniehohen Wasser begegneten wir wunderschönen Stachelrochen, die teilweise bis zu 1m Spannweite hatten. Wir waren fast schon ein bisschen enttäuscht, als wir nach anderthalb Stunden schon wieder zum Boot zurück mussten.


Für den nächsten Tag hatte ich meinen Dickkopf noch ein weiteres Mal durchgesetzt: wir hatten einen Rundflug über die Whitsundays und das dahinterliegende Great Barrier Reef gebucht. Beim Aufwachen kam dann allerdings schon der nächste Schock: ausgerechnet unser Pilot war positiv auf Covid getestet worden und unsere Buchung sollte auf den Folgetag verschoben werden. Noch einen Tag länger in Airlie Beach zu bleiben war keine Option, also setzte ich alles daran uns auf einen anderen Flug am gleichen Tag gebucht zu kriegen. Und tatsächlich, um 14 Uhr stiegen wir doch noch mit nur zwei weiteren Gästen in ein winziges Flugzeug und genossen 60 Minuten die traumhafte Aussicht über die Whitsundays, den Whitehaven Beach und das Great Barrier Reef. Sogar das berühmte Riff in Herzform bekamen wir zu sehen, ich war also überglücklich. Selbst Tizian war hellauf begeistert und wir waren uns am Schluss einig, dass es sich mehr als nur gelohnt hatte, so lange in Airlie Beach auszuharren.

Als nächstes stand die Stadt Townsville mit der davor gelegenen „Magnetic Island“ auf unserem Programm. Mit der Fähre gelangten wir auf die Insel und erkundeten sie dann mit den öffentlichen Bussen und zu Fuß. Auf dem Weg zu einer ehemaligen Festungsanlage aus dem zweiten Weltkrieg, konnten wir an mehreren Stellen schlafende Koalas in den Bäumen ausmachen. Die meiste Zeit unseres kleinen Ausflugs verbrachten wir aber wohl bei den Rock-Wallabies. Diese kleine Känguru-Art lebt zwischen den riesigen Granitfelsen auf der Insel und ist relativ zutraulich. Mit Äpfeln und Karotten kann man seinem Glück noch etwas nachhelfen und so waren wir Ewigkeiten damit beschäftigt, unsere mitgebrachten Leckereien aus der Hand an die Mini-Kängurus zu verfüttern.

Zu Tizians Geburtstag im März hatte ich ihm ein ganz besonderes Geschenk gemacht: einen Tandem-Fallschirmsprung aus einem Flugzeug. Man muss dazu wissen, er hat Höhenangst und kann z.B. auf hohen Gebäuden nicht zu nah an die Geländer usw. Nachdem er aber gesagt hatte, er würde das trotzdem gerne irgendwann mal ausprobieren, wollte ich ihm natürlich dabei helfen und habe ihm diese Entscheidung abgenommen. Er war sich zuerst nicht sicher ob er sich über das Geschenk freuen oder es überhaupt annehmen soll (Hat er dann aber zum Glück letztendlich doch).

In Mission Beach sollte der Sprung dann endlich stattfinden. Tizian merkte man mit jedem Kilometer den wir dem Ort näher kamen, die Anspannung immer deutlicher an. Er hatte wirklich große Angst und konnte sich nicht vorstellen, dass es in weniger als 24 Stunden schon so weit sein sollte. Beim Einchecken auf dem Campingplatz machte uns die Dame am Empfang netterweise gleich mit ihrem Mann bekannt, einem der Sky-Dive-Instructor der mit einem von uns am nächsten Tag springen würde. Er versicherte Tizian, dass er den Sprung trotz oder vielleicht auch gerade durch die Höhenangst umso mehr genießen würde. Wir waren schwer beeindruckt als er erzählte, dass er selbst in seinem Leben schon mehr als 85 Stunden damit verbracht hat aus einem Flugzeug zu fallen. Ich merkte wie Tizian sich langsam etwas beruhigte und war sehr dankbar für die frühzeitige Begegnung.

Nach einer (zumindest für manche von uns) etwas unruhigen Nacht ging es dann morgens direkt zum Skydive Australia Büro. Das besondere am Sprung in Mission Beach ist die Möglichkeit, am 14km langen Sandstrand zu landen. Die Jungs dort verbreiteten eine unglaublich entspannte Atmosphäre und wir bekamen jeder die Gurte verpasst, mit welchen wir an unserem Tandem-Partner festgeschnallt wurden. Nach einer kurzen Sicherheitsunterweisung ging es dann mit dem Bus zum Flughafen. Tizian wurde immer stiller und ich merkte, wie sehr er sich überwinden musste. Im Flieger selbst wurden wir dann aufgeteilt und es stellte sich raus, dass ich als erstes springen sollte. Gesagt getan, in etwa 5.000m Höhe rutschte uns mein Instructor näher an die bereits geöffnete Tür ran, ich warf Tizian eine letzte Kusshand zu und streckte die Beine aus dem Flugzeug. Das Gefühl was ich die nächsten Minuten hatte war unbeschreiblich. Die 60 Sekunden freier Fall waren ein solcher Adrenalin-Kick, ich war wie im Rausch und genoss einfach nur die wahnsinnige Aussicht. Als der Fallschirm geöffnet wurde, konnte ich dann auch Tizian das erste Mal sehen und war schwer erleichtert als ich sah, dass er breit grinste. Wieder am Boden fielen wir uns in die Arme und er konnte sich endlich auch so richtig über mein Geschenk freuen.

Den Weg weiter in Richtung Norden fuhren wir ausnahmsweise mal nicht an der Küste, sondern machten einen kleinen Umweg durch die Atherton Tablelands. Dort besuchten wir die Millaa Millaa Waterfalls - ein filmreifer Wasserfall, kerzengerade und wunderschön grün eingerahmt. Für einen letzten, verzweifelten Versuch endlich ein Schnabeltier zu sehen, buchten wir uns für eine Nacht mitten im Hochland auf einem kleinen Campingplatz ein. Unsere Ausdauer sollte schon vor Sonnenuntergang belohnt werden. Wir gingen auf den Rat der Campingplatz-Betreiber ca. zwei Stunden vor Sonnenuntergang am Fluss neben dem kleinen Ort spazieren und schon fanden wir das erste Schnabeltier! Wir waren außer uns vor Freude und versuchten uns aber gleichzeitig möglichst ruhig und geräuschlos zu verhalten, um es bloß nicht zu verschrecken. Immer wieder tauchte unser kleiner Freund ab, sodass man nur noch Luftblasen an der Wasseroberfläche sah, und plantschte kurz darauf wieder munter vor uns entlang. Während unserem Spaziergang hatten wir insgesamt drei solcher Begegnungen, sodass wir voller Euphorie am frühen Morgen gleich nochmal losgingen und auch dann nochmal Schnabeltiere ausfindig machen konnten.

Der Norden Australiens ist bekannt für frei lebende Krokodile, weshalb auch an vielen Flüssen und Stränden Hinweisschilder aufgestellt sind und teilweise Baden komplett verboten ist. Um die „Salties“ (englische Abkürzung für Salzwasserkrokodile) nicht zu verpassen, gingen wir auf eine geführte Boots-Tour in Daintree. Es dauerte keine 10 Minuten und schon näherten wir uns dem ersten Krokodil. Es war gewaltig und mit knapp 700kg Gewicht und 5,5m Länge auch niemand, mit dem ich mir den Strand gern teilen würde.

In Cairns angekommen, hieß es dann nach 7 Wochen Abschied nehmen von unserem heiß geliebten Jucy. Über 7.000km weit hatte uns unser Camper gebracht, da fiel uns der Abschied natürlich nicht gerade leicht. Auch wenn wir die lila-grüne Bettwäsche bestimmt nicht vermissen werden, fühlte es sich doch komisch an, unsere Rucksäcke wieder packen zu müssen. Wir brachten den Van also zum Verleih und bezogen für die letzten Nächte an der Ostküste einen Schlafsaal. In Cairns verbrachten wir viel Zeit im Hostel und in der Shoppingmall, bevor es für einen Tagestrip zum Great Barrier Reef ging. Auch hier hatte ich mal wieder meinen Dickkopf durchgesetzt und darauf bestanden, dass wir mit 120 anderen Gästen auf eines der großen Ausflugsboote gehen. Auf diesen Booten werden möglichst viele Leute zusammengebracht, ob zum Tauchen, Schnorcheln oder ganz ohne überhaupt das Wasser zu berühren. Um am äußeren Riff tauchen zu gehen, war das die günstigste (wenn auch immer noch schweineteure) Variante, also mussten wir leider in den sauren Apfel beißen.


Wir checkten morgens am riesigen Terminal mit unzähligen anderen Gästen ein und bezogen unsere zugewiesenen Plätze im klimatisierten Salon. Nach einer ausgiebigen Sicherheitsunterweisung mit Themen wie Seekrankheit, Rettungswesten etc. hatten wir glücklicherweise noch Zeit, den Rest der zweieinhalbstündigen Anfahrt zum ersten Tauchspot auf dem oberen Sonnendeck zu verbringen. Wir hatten es uns gerade gemütlich gemacht, als wir bemerkten, wie einer der Gäste direkt vor uns ruckartig aufsprang und zur Reling rannte. Und wie man es sonst nur aus schlechten Filmen kennt, kam es wie es kommen musste: der gute Mann war seekrank geworden und hatte es nicht rechtzeitig bemerkt. Was passiert, wenn sich auf einem fahrenden Boot ganz vorne jemand in den Wind übergibt, das kann sich jetzt jeder selbst denken. Wir waren auf jeden Fall von oben bis unten bedeckt mit Erbrochenem und waren völlig perplex. Wir rannten so schnell wir konnten zum Tauchdeck und ließen uns mitsamt unseren Klamotten von den Mitarbeitern dort mit Frischwasser abspritzen. Selbst Shampoo oder das anschließende ins Meer springen konnte der ganzen Sache nicht wirklich Linderung bringen. Der Tag war jedenfalls gelaufen und unsere Klamotten hingen die restliche Zeit zum Trocknen in der Sonne. Wäre derjenige mindestens mit einem kalten Bier und einer Entschuldigung bei uns vorbeigekommen, hätten wir den Vorfall vielleicht ein bisschen verdrängen können. Da das allerdings den ganzen Tag nicht passierte und auch die Tauchgänge eher enttäuschend waren, hatten wir nur noch miese Laune und waren abends heilfroh, als wir wieder im Hostel ankamen und der Tag endlich vorbei war.










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